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August 2020

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19. August, 19:45 - 21:15

»Singvögel und Raben waren auch nicht mehr da« Bericht aus dem Zentrum der Atombombenexplosion von Shigemi Ideguchi

Vortrag und Lesung mit Michael Serrer

 

Im Pazifik endete der Zweite Weltkrieg nicht im Mai, sondern erst im August 1945 mit der japanischen…

Vortrag und Lesung mit Michael Serrer

 

Im Pazifik endete der Zweite Weltkrieg nicht im Mai, sondern erst im August 1945 mit der japanischen Kapitulation. Shigemi Ideguchi hat den Atombombenabwurf am 6. August 1945 auf Hiroshima aus nur 500 Metern Entfernung erlebt und überlebt. In seinem Tagebuch verarbeitete er diese »Höllenbilder in angstvoller Stille«, schilderte die Zerstörung von Gebäuden und Natur und die Auswirkungen atomarer Verstrahlung auf die Körper und Seelen der Opfer. Anlässlich des 70. Jahrestages des Bombenabwurfs 2015 haben seine Enkelin Rima Ideguchi und ihr Ehemann Fabian Liedtke das Buch ins Deutsche übertragen. Auch heute ist das Thema angesichts der zähen Verhandlungen über Atomwaffen leider weiterhin aktuell.

Michael Serrer, der Leiter des Literaturbüros NRW, liest aus dem Tagebuch von Shigemi Ideguchi und stellt den Autor und seine Geschichte vor.

 

In Kooperation mit: Literaturbüro NRW

26. August, 19:45 - 21:15

»Das nimmt ein bitteres Ende.« Die »Tag- und Nachtbücher« von Theodor Haecker

Vortrag und Lesung mit Prof. Dr. Winfrid Halder

 

Der studentische Widerstandskreis »Weiße Rose« ist fest verankert im kollektiven Gedächtnis der…

Vortrag und Lesung mit Prof. Dr. Winfrid Halder

 

Der studentische Widerstandskreis »Weiße Rose« ist fest verankert im kollektiven Gedächtnis der Deutschen. Theodor Haecker (1879–1945) dagegen, der wie kaum ein anderer die jungen Mitglieder der Widerstandsgruppe intellektuell beeinflusst hat, ist heute nahezu unbekannt. Der katholische Religionsphilosoph hatte bereits in den 1920er-Jahren vehement vor Hitler und seinen Anhängern gewarnt. Einem Verfahren wegen »Vorbereitung zum Hochverrat« 1943 noch durch glückliche Umstände entgangen, starb Haecker am 9. April 1945, weil er nicht mehr an lebenswichtige Medikamente gelangen konnte. Fast bis zuletzt schrieb er insgeheim Tagebuch – eine Gegenwartsanalyse und ein Zeitkommentar von einzigartiger Hellsichtigkeit. Bereits im April 1940, als die deutsche Wehrmacht vermeintlich noch auf ihrem Siegeszug durch Europa war, notierte Haecker mit Blick auf die NS-Eroberungspolitik: »Das nimmt ein bitteres Ende, die Furcht wird schwinden, der Haß aber bleiben.« Die Tagebücher wurden 1947 posthum veröffentlicht.

 

In Kooperation mit: Literaturbüro NRW

31. August, 19:00 - 20:30

Erbfeinde? Theodor Fontane und der deutsch-französische Krieg 1870/71

Kommentierte Lesung mit Dr. Katja Schlenker und Prof. Dr. Winfrid Halder

 

Beinahe wäre die deutsche Literatur um einiges ärmer geblieben. Wenn…

Kommentierte Lesung mit Dr. Katja Schlenker und Prof. Dr. Winfrid Halder

 

Beinahe wäre die deutsche Literatur um einiges ärmer geblieben. Wenn Theodor Fontane tatsächlich im Alter von 50 Jahren als vermeintlicher preußischer Spion im Oktober 1870 in Frankreich erschossen worden wäre, hätte er keinen einzigen seiner Romane schreiben können. Denn alle seine 16 größeren Erzählwerke – von »Vor dem Sturm« (1878) bis zu »Der Stechlin« (1899) – sind erst seit der zweiten Hälfte der 1870er-Jahre entstanden.

Wäre Fontane umgekehrt als Franzose hinter den Linien der preußisch-deutschen Truppen mit Notizbuch und Stift ungeniert herumspazierend aufgegriffen worden, wäre er – so wurde ihm später versichert – vermutlich ziemlich umstandslos an die nächstbeste Wand gestellt und füsiliert worden. Ein Einzelfall wäre das gewiss nicht gewesen; zwar hatte Frankreich den am 19. Juli 1870 begonnenen, vom preußischen Ministerpräsidenten Otto von Bismarck sehr gezielt herbeigeführten Krieg schon wenige Wochen später militärisch faktisch verloren, dennoch gab es noch immer erbitterte und verlustreiche Kämpfe. Besonders gefürchtet waren bei den deutschen Soldaten die meist nicht uniformierten »Franc-tireurs«, die sie zu Tausenden auf bereits besetztem französischen Territorium in einer Art Partisanenkrieg attackierten und für erhebliche Verluste sorgten. Der preußische Generalstabschef Helmuth von Moltke hatte längst befohlen, dass diese irregulären Kämpfer gemäß Standrecht zu erschießen waren, sofern man ihrer lebendig habhaft wurde.

Fontane indes, der sich ins weit vor den deutschen Linien gelegene Domrémy-la-Pucelle (Département Vosges) begeben hatte, weil er als historisch interessierter »Wanderer« den Geburtsort der französischen Nationalheiligen Jeanne d’Arc besichtigen wollte, verbrachte zwar unangenehme, sicherlich auch zeitweilig angstvolle Stunden, nachdem er am 5. Oktober 1870 gefangengenommen worden war, blieb aber unversehrt. Immerhin sah man sich auf französischer Seite veranlasst, den übrigens bei seiner Festsetzung bewaffneten deutschen Kriegsberichterstatter noch eine Weile festzuhalten und ihn dabei quer durch Frankreich bis auf die Insel Oléron vor der französischen Atlantikküste zu transportieren. Bezeichnend für die korrekte, dann immer großzügiger werdende Behandlung ist allerdings, dass man den Zivilisten Fontane als ranggleich zu einem »officier supérieur« einstufte (tatsächlich hatte es Fontane währende seines Dienstes als Wehrpflichtiger 1844/45 nur zum Unteroffizier gebracht), ihm gar einen »Offiziersburschen« zugestand (einen ebenfalls gefangenen polnischen Wehrpflichtigen aus dem Danziger Regiment der »Totenkopf-Husaren«) und ihm so viel Freiraum gewährte, dass er noch als Inhaftierter damit begann, ein Buch über seine Erfahrungen zu schreiben.

Anders als seine hauptsächlich auf die Kriegsereignisse und militärischen Abläufe konzentrierten Bücher über die Kriege 1864, 1866 und später auch 1870/71 ist »Kriegsgefangen. Erlebtes 1870« ein »document humain«, das nicht zuletzt den französischen »Gastgebern« ein gutes Zeugnis ausstellt – so gut, dass sich Fontanes ältester Sohn George, der im Krieg 1870/71 als Offiziersanwärter in der preußischen Armee diente, wenig angetan davon zeigte. Die Aufzeichnungen erschienen erstmalig Ende Dezember 1870, und damit schon wenige Wochen nachdem Fontane freigelassen worden und nach Berlin zurückgekehrt war – mehrere Monate aber vor dem Abschluss des Friedensvertrages von Frankfurt, der im Mai 1871 Frankreichs Niederlage besiegelte und den Krieg förmlich beendete.

In Erinnerung an den Beginn des deutsch-französischen Krieges vor 150 Jahren stellen wir Theodor Fontanes bemerkenswertes Zeugnis vor.