Zwischen allen Stühlen – Ilja Ehrenburg 1891-1967

Ilja Ehrenburg und Pablo Picasso (hier 1966) verband eine enge Freundschaft. Picasso gestaltete Ehrenburgs Grabstein auf dem Nowodewitschi-Friedhof in Moskau.
27. September
19:00 – 21:00

Vortrag von Dr. Peter Jahn
Moskauer, Jude, Sozialist, Schriftsteller, Journalist, Frankophiler, Kosmopolit, großer Kommunikator unter den europäischen Intellektuellen und Künstlern im kulturellen und politischen Umbruch von der Jahrhundertwende bis in die 1960er-Jahre und Hassobjekt, alles das, aber noch viel mehr war dieser Ilja Gregorjewitsch Ehrenburg. 1891 in Kiew in eine bürgerlich-jüdische Familie hineingeboren, schloss sich als Schüler in den Jahren nach der Revolution 1905 einer bolschewistischen Untergrundbewegung an und suchte mit 18 Jahren in Paris Exil, das mit Unterbrechungen seine Heimat bis 1929 wurde. Hier kam er mit der künstlerischen Avantgarde in Kontakt – Picasso und Modigliani, Ferdinand Leger, Diego Rivera, traf Jean-Paul Sartre, Leo Trotzki, André Gide und Ernest Hemingway. Im Ersten Weltkrieg berichtete er als Journalist von der französisch-deutschen Frontlinie von der Gewalt des Krieges. 1917 reiste er aus Frankreich für einige Zeit nach Russland zurück, der Oktoberrevolution wegen.

1936 ging er als Kriegsberichterstatter nach Spanien für die »Iswestija«, kehrte für kurze Zeit nach Moskau zurück, wo er den Schauprozess gegen seinen Schulkameraden Nikolai Bucharin als Zuschauer miterleben musste. Auch seine jüdischen Freunde Isaak Babel und Ossip Mandelstamm fielen später Stalins antisemitischem Vorgehen zum Opfer, welche Ehrenburg selbst überlebte.

Nach Stalins Tod schrieb Ehrenburg als erster sowjetischer Schriftsteller über das stalinistische Erbe. »Tauwetter« gab auch den Namen für die politische Epoche und das gesellschaftliche Erwachen nach Stalins Tod. Mit diesem Buch, das den Nerv der jugendlichen und antistalinistischen Kräfte traf, wurde Ehrenburg einer der wichtigsten Lehrer der Generation »Sechziger«.

Der Historiker Peter Jahn hat sich in seiner Forschungstätigkeit auf Osteuropa spezialisiert. Ab 1993 war er an der Gestaltung der Dauerausstellung im deutsch-russischen Museum Berlin-Karlshorst beteiligt. Er gründete die Initiative »Ort der Erinnerung an die Opfer der NS-Lebensraumpolitik in Osteuropa«.

Foto: Manuscript Department, Pushkin Museum of Fine Arts, Moscow

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