31. August, 19:00 - 20:30

Erbfeinde? Theodor Fontane und der deutsch-französische Krieg 1870/71

Kommentierte Lesung mit Dr. Katja Schlenker und Prof. Dr. Winfrid Halder

 

Beinahe wäre die deutsche Literatur um einiges ärmer geblieben. Wenn…

Kommentierte Lesung mit Dr. Katja Schlenker und Prof. Dr. Winfrid Halder

 

Beinahe wäre die deutsche Literatur um einiges ärmer geblieben. Wenn Theodor Fontane tatsächlich im Alter von 50 Jahren als vermeintlicher preußischer Spion im Oktober 1870 in Frankreich erschossen worden wäre, hätte er keinen einzigen seiner Romane schreiben können. Denn alle seine 16 größeren Erzählwerke – von »Vor dem Sturm« (1878) bis zu »Der Stechlin« (1899) – sind erst seit der zweiten Hälfte der 1870er-Jahre entstanden.

Wäre Fontane umgekehrt als Franzose hinter den Linien der preußisch-deutschen Truppen mit Notizbuch und Stift ungeniert herumspazierend aufgegriffen worden, wäre er – so wurde ihm später versichert – vermutlich ziemlich umstandslos an die nächstbeste Wand gestellt und füsiliert worden. Ein Einzelfall wäre das gewiss nicht gewesen; zwar hatte Frankreich den am 19. Juli 1870 begonnenen, vom preußischen Ministerpräsidenten Otto von Bismarck sehr gezielt herbeigeführten Krieg schon wenige Wochen später militärisch faktisch verloren, dennoch gab es noch immer erbitterte und verlustreiche Kämpfe. Besonders gefürchtet waren bei den deutschen Soldaten die meist nicht uniformierten »Franc-tireurs«, die sie zu Tausenden auf bereits besetztem französischen Territorium in einer Art Partisanenkrieg attackierten und für erhebliche Verluste sorgten. Der preußische Generalstabschef Helmuth von Moltke hatte längst befohlen, dass diese irregulären Kämpfer gemäß Standrecht zu erschießen waren, sofern man ihrer lebendig habhaft wurde.

Fontane indes, der sich ins weit vor den deutschen Linien gelegene Domrémy-la-Pucelle (Département Vosges) begeben hatte, weil er als historisch interessierter »Wanderer« den Geburtsort der französischen Nationalheiligen Jeanne d’Arc besichtigen wollte, verbrachte zwar unangenehme, sicherlich auch zeitweilig angstvolle Stunden, nachdem er am 5. Oktober 1870 gefangengenommen worden war, blieb aber unversehrt. Immerhin sah man sich auf französischer Seite veranlasst, den übrigens bei seiner Festsetzung bewaffneten deutschen Kriegsberichterstatter noch eine Weile festzuhalten und ihn dabei quer durch Frankreich bis auf die Insel Oléron vor der französischen Atlantikküste zu transportieren. Bezeichnend für die korrekte, dann immer großzügiger werdende Behandlung ist allerdings, dass man den Zivilisten Fontane als ranggleich zu einem »officier supérieur« einstufte (tatsächlich hatte es Fontane währende seines Dienstes als Wehrpflichtiger 1844/45 nur zum Unteroffizier gebracht), ihm gar einen »Offiziersburschen« zugestand (einen ebenfalls gefangenen polnischen Wehrpflichtigen aus dem Danziger Regiment der »Totenkopf-Husaren«) und ihm so viel Freiraum gewährte, dass er noch als Inhaftierter damit begann, ein Buch über seine Erfahrungen zu schreiben.

Anders als seine hauptsächlich auf die Kriegsereignisse und militärischen Abläufe konzentrierten Bücher über die Kriege 1864, 1866 und später auch 1870/71 ist »Kriegsgefangen. Erlebtes 1870« ein »document humain«, das nicht zuletzt den französischen »Gastgebern« ein gutes Zeugnis ausstellt – so gut, dass sich Fontanes ältester Sohn George, der im Krieg 1870/71 als Offiziersanwärter in der preußischen Armee diente, wenig angetan davon zeigte. Die Aufzeichnungen erschienen erstmalig Ende Dezember 1870, und damit schon wenige Wochen nachdem Fontane freigelassen worden und nach Berlin zurückgekehrt war – mehrere Monate aber vor dem Abschluss des Friedensvertrages von Frankfurt, der im Mai 1871 Frankreichs Niederlage besiegelte und den Krieg förmlich beendete.

In Erinnerung an den Beginn des deutsch-französischen Krieges vor 150 Jahren stellen wir Theodor Fontanes bemerkenswertes Zeugnis vor.